„Das gewöhnliche Design“ – Rekonstruktion eines Skandals

Im Oktober 1976 fand am Fachbereich Gestaltung der FH Darmstadt die Ausstellung „Das gewöhnliche Design“ statt, initiiert und kuratiert durch Friedrich Friedl und Gert Ohlhauser. Gezeigt wurden 110 Alltagsgegenstände, darunter so normale und lapidare Objekte wie Kronkorken-Flaschenöffner, Büroklammern oder Neonröhren. Diese Ausstellung war in zweifachem Sinne polemisch. Erstens wurde sie absichtlich gegen die zur gleichen Zeit stattfindende, sehr üppig präsentierte Jugendstil-Ausstellung zum 75jährigen Jubiläum der Mathildenhöhe positioniert. Zweitens wurde sie hier an FBG an einem Ort gezeigt, der mit dem aufstrebenden Begriff „Design“ assoziiert war, das ja gerade für das Besondere der Gestaltung und nicht für die industrielle, teils langweilig anmutende Produktnormalität einstehen sollte. 

Die kalkulierte Provokation verfehlte ihre anhaltende Wirkung nicht. Nach einem entsprechenden Pressecho erwarb acht Jahre später das Freilichtmuseum Kommern die (ja keineswegs außergewöhnliche) Objektsammlung, wiederholte die Ausstellung und publizierte einen Ausstellungskatalog. Damit war auch so etwas wie ein Präzedenzfall geschaffen in der Frage, wie viel Usuelles, Normales oder gar „Gestaltungsunverdächtiges“ in gutem Design zugegen ist. 

Die Liste der Referenzen und Bezugnahmen auf die Ausstellung von ’76 ist lang. U.A. widmete die Zeitschrift „form” ihr einen Artikel, ferner bezieht sich Jasper Morrison in seinem zum Klassiker avancierten Ausstellungskatalog „Super normal – Sensations of the Ordinary“ ausdrücklich auf das „Das gewöhnliche Design“, den FB Gestaltung und die Mathildenhöhe. Viele spätere Ausstellungen zum „Lob des Normalen“ im Design können ausserdem als direkte Bezugnahmen, wenn nicht gar als Reprisen zu dem gelesen werden, was in Darmstadt einen Anfang nahm.Um so verwunderliche ist es, dass sich am FB Gestaltung kaum jemand an diese Ausstellung erinnert; die Fachbereichsbibliothek hält kein einziges Exemplar des damaligen Buches „Das gewöhnliche Design“ mehr vor, noch gibt es irgendwelches Material dazu.

Der Kurs wird sich um die historische „Rekonstruktion des Skandals“ drehen. Dabei werden wir in Close Reading Sessions den Katalog von ’76 analysieren und in Gruppenrecherchen nach weiteren Zeitdokumenten, Akteuren und verlorenem Wissen fanden. Ziel ist es, die Historie des Fachbereichs besser kennenzulernen und die Frage erneut zu stellen: wie gewöhnlich darf und soll Design sein?